Hilfswerk Sr. Emmanuelle für Ägypten, Sudan und Südsudan

"Die Liebe geht allem voran" – Eindrücke von der Ägyptenreise im Oktober 2017

Mitglieder des „Hilfswerk Schwester Emmanuelle“ erlebten in Kairo absolute Armut – und Hilfe, die ankommt.

→ Von Anna-Maria Steiner, erschienen im "Sonntagsblatt", am 12. November 2017

Ein leises Raunen geht durch den Bus, der die 14-köpfige Delegation aus Österreich durch die engen Gassen des Kairoer Müllsammlerviertels Mokattam kutschiert. Wer ins Freie geht, dem raubt der beißende Abfallgestank im ersten Moment den Atem, zahllose Fliegen umschwirren Menschen und den sich meterhoch türmenden Müll. Täglich wird hier der Abfall der Großstadt abgeladen, sortiert und zur Weiterverwertung verkauft. Selbst Kinder arbeiten, um durch den Verkauf von Karton und Plastik zum Familieneinkommen beizutragen. „Ich gehe nicht mehr zur Schule, es kostet zu viel Geld“, erzählt der 14-jährige Antonius. Wie er entsorgen im Slum lebende Christen seit Generationen hier den Müll, den die 20-Millionen-Stadt täglich produziert.

Dass Kinder wie Antonius trotz ärmster Lebensumstände die Schule besuchen können – dafür kämpft das „Hilfswerk Schwester Emmanuelle“, das 1979 gegründet wurde. „Als wir hier begonnen haben, war es einfach unvorstellbar“, erinnert sich die koptische Schwester Sara an ihre Anfänge im Kairoer Müllsammlerviertel vor über vier Jahrzehnten. „Mädchen heirateten im Kindesalter; jede Frau bekam zehn bis zwölf Babys, und die Kinder lebten wie die Tiere. Wir mussten einfach etwas tun.“

Heute gebe es hier kein Mädchen mehr, das im Kindesalter zwangsverheiratet werde, im Gegenteil: Bereits 300 junge Frauen von hier haben Hochschulen abgeschlossen, der Großteil von ihnen kehre sogar wieder ins Armenviertel zurück. „Das hat den Charakter des Ortes stark verändert“, weiß Schwester Sara und berichtet davon, dass sich das Leben der Bewohner hier durch den vermehrten Schulbesuch von Kindern aus absolut armen Familien und durch medizinische Angebote vor Ort langsam, aber stetig verbessere.

Den Besuchern hat es vor allem die „Al Gabal Mokattam“-Schule angetan: Bunt
bemalt, einladend und hell erstrahlt sie im Viertel wie ein Juwel. Zwei der vier Stockwerke wurden allein mit Spenden aus Österreich finanziert. Eine junge Ordensschwester führt durch das Gebäude und steigt mit den Gästen auf das Dach. „Hier oben bauen wir gerade eine Theaterbühne für Schulaufführungen“, berichtet Schwester Nada und deutet auf die neu errichteten Sanitäranlagen. „70 Prozent Rabatt haben wir beim Kauf der neuen Fliesen bekommen“, freut sich die energiegeladene 28-Jährige in perfektem Englisch. Ähnlich wie die 2008 verstorbene Schwester Emmanuelle studierte sie an in- und ausländischen Eliteschulen und lehrte als Hochschulprofessorin, bevor sie ihr Herz ins Müllsammlerviertel zu den Ärmsten führte.

Wie man so viel Elend tagtäglich aushalten könne, fragt eine österreichische Spenderin nach dem Besuch im Slum. Schwester Sara lächelt: „Wenn wir das Gebet nicht hätten, würden wir den Kopf verlieren.“ Die ursprünglichste Kraft für die Nonnen aber sei die Liebe. „Sie geht allem anderen voran.“